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Arbeiten am Bild

Mit dem eidgenössisch anerkannten Abschluss gewann der Beruf Kunsttherapeut/in an Bedeutung. Das IHK setzt sich aktiv für eine Professionalisierung in der Ausbildung ein. Im Interview sprechen Institutsleiter Urs Hartmann und Denise Huber, stellvertretende Institutsleiterin, über die kunsttherapeutische Triade, das Hier und Jetzt und die Wichtigkeit von effektiven Methoden.

Odoo – Beispiel 1 für drei Spalten

Denise Huber

Odoo – Beispiel 2 für drei Spalten

Urs Hartmann

Was ist Kunst?

Urs Hartmann: Kunst lässt sich nicht definieren, sie muss sich immer wieder selber erfinden. Ich denke, Kunst ist letztlich der Versuch, etwas Geahntes oder Gefühltes in eine Form zu bringen, wofür wir keine Worte haben. Damit eine Form, ein Werk auch als Kunstwerk bezeichnet werden kann, muss es dann auch eine gesellschaftliche Bedeutung erlangen.

Denise Huber: Genau, Künstlerinnen und Künstler erschaffen immer etwas, das über das Persönliche hinausgeht. Ein Kunstwerk hat eine gesellschaftliche und universelle Dimension. Kunst ist – unabhängig von der Kunstform – Kommunikation mit gestalterischen Mitteln.

Und was ist Kunsttherapie?

Denise Huber: Kunsttherapie ist eine Therapieform mit künstlerischen Mitteln. Es gibt verschiedene Fachrichtungen, zum Beispiel Bewegungs- und Tanztherapie, Drama- und Sprachtherapie oder eben unser Gebiet, die Gestaltungs- und Maltherapie. Die Kunsttherapie bewegt sich im Dreieck, in der kunsttherapeutischen Triade zwischen Klient, Therapeut und Werk – das Werk ist bei der Kunsttherapie immer das sogenannt «Dritte». Und Kunsttherapie ist immer aktiv: Klientinnen und Klienten setzen sich mit ihrem Handeln ins Bild und können so neue Erfahrungen machen.

Das IHK ist im Fachbereich Gestaltungs- und Maltherapie tätig – was hat es mit dem Zusatz «humanistisch» auf sich?

Denise Huber: Im therapeutischen Ansatz der Humanistischen Kunsttherapie verbindet sich das humanistische Menschenbild mit dem methodischen Ansatz. Konzepte der humanistischen Psychologie fliessen in die kunsttherapeutische Arbeitsweise mit ein. Der Fokus der Therapie liegt auf dem Hier und Jetzt – Therapieinhalte werden unmittelbar bearbeitet.

Was ist wichtiger, der Malprozess oder das Resultat?

Urs Hartmann: Beides ist wichtig. Der Prozess kann nicht sinnvoll sein, wenn man nicht auch auf das Resultat achtet ...

Denise Huber: … über das Probehandeln und über die Veränderung des Bildes passieren die wesentlichen Dinge. Die Arbeit am Bild ist für uns das zentrale therapeutische Mittel. Das Endresultat ist also weniger wichtig und wir sprechen auch nicht im Nachhinein über das Bild. Wir gehen nicht in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft. Damit unterscheiden wir uns grundlegend von analytischen Ansätzen.

«Letztendlich ist Therapie immer ein Eröffnen von Wahlmöglichkeiten.»

Und wie erfolgt der Transfer der Therapie in den Alltag?

Denise Huber: Auch der Transfer geschieht am Bild, im geschützten Raum und nicht nachher in einer Gesprächssituation. Wenn sich jemand beispielsweise mit Entscheidungen schwertut und Mühe hat, sich festzulegen, zeigt sich das auch im Malatelier. Nur schon die Farbwahl kann zum Problem werden. Wir können das dann im Moment ansprechen: Was genau macht den Entscheidungsprozess denn so schwierig? Die Person kann am Bild üben und lernen, sich besser oder schneller zu entscheiden ...

Urs Hartmann: ... und vielleicht erinnert sie sich dann in einer Entscheidungssituation im Alltag plötzlich an ein Bild, an eine Farbe und daran, wie sie am Bild die Entscheidung getroffen hat. Sie merkt: Ich habe eine Wahl, ich kann entscheiden. Letztendlich ist Therapie immer ein Eröffnen von Wahlmöglichkeiten. Es geht nicht darum zu sagen, was richtig und was falsch ist.

Ist Kunst immer auch ein bisschen Therapie?

Urs Hartmann: Jeder Mensch ist grundsätzlich kreativ oder schöpferisch. Das Erschaffen und Gestalten macht uns zufrieden und hat damit eine gewisse therapeutische Wirkung. Aber eigentlich ist das eigene künstlerische Schaffen – kochen, basteln, zeichnen, fotografieren – nie Therapie. Denn Therapie bedingt per Definition immer einen bewussten Vorgang von zwei Menschen, die zusammenkommen mit dem Ziel, eine Veränderung herbeizuführen.

Denise Huber: Der Begriff «therapeutisch» ist im Freizeitbereich fehl am Platz. Freizeitaktivitäten und Hobbys sind erfüllend und tun gut, aber das ist noch keine Therapie. Man kann nicht mit sich selber Therapie machen, weil die Distanz fehlt. Um zu reflektieren, braucht es einen Spiegel.

Sie machen Maltherapie im «geschützten Raum» – weshalb?

Denise Huber: Für uns und unsere Methode bietet der «geschützte Raum» ideale Voraussetzungen. Die Idee dieses geschützten Raums kommt von Arno Sterns «clos lieu». Er wollte, dass sich die Leute voll und ganz aufs Malen konzentrieren – ohne Einflüsse von aussen. Der «clos lieu» ist ein Raum nur fürs Malen und die Bilder verlassen diesen Raum nie. Arno Stern lagert in seinem Atelier zehntausende von Bildern.

Urs Hartmann: Natürlich kann man auch in anderen Räumen arbeiten. Aber uns ist die geschützte, und vor allem wertfreie Atmosphäre wichtig. Denn auch wenn jemand etwas total Schräges malt, ist das im geschützten Raum völlig okay.

Nehmen die Klienten ihre Bilder mit nach Hause?

Urs Hartmann: Arbeiten aus der Kunsttherapie werden prinzipiell nicht öffentlich zur Diskussion gestellt. Die Bilder, die bei uns gemalt werden, bleiben zuerst hier im Atelier. So versuchen wir auch, die Bilder zu schützen – vor einer künstlerischen Betrachtungsweise, vor Bewertungen und Kritik...

«Kann man im Pixel-Alltag überhaupt noch Bilder mit den Fingern malen – oder ist das komplett anachronistisch?»

Kann der geschützte Raum in der zunehmend digitalisierten Welt bestehen?

Denise Huber: Die Frage stellt sich schon: Kann man im Pixel-Alltag überhaupt noch Bilder mit den Fingern malen oder ist das komplett anachronistisch? Man kann und es ist sogar wichtig, das noch zu können! Denn erst durch die längere Beschäftigung mit einem Bild tauchen persönliche Themen auf und eine Entwicklung wird möglich. Auch das Sinnliche, Haptische ist wichtig: Über die Berührung kommt man in Kontakt mit dem Bild, mit dem, was da entsteht, mit sich selbst.

Urs Hartmann: Heute machen wir konstant Bilder und es wird im Sekundentakt gepostet, geshart und gelikt. Auch im Malatelier haben fast alle ihr Handy dabei und machen immer wieder Fotos von ihren Bildern. Früher musste man noch Entscheidungen treffen: Übermalen oder nicht übermalen? Heute macht man einfach ein Foto und speichert die Version zur Sicherheit noch irgendwo als Back-up. Damit geht etwas ganz Wichtiges verloren: Bewusste Entscheidungen treffen – mit allen Konsequenzen.

Der Kontakt mit sich selbst ist entscheidend in der Kunsttherapie?

Urs Hartmann: Ja, es ist elementar für den therapeutischen Prozess: Du erlebst etwas, du merkst etwas, machst eine Erkenntnis – das ist nur möglich, wenn man den Kontakt zu sich selber hat. 

Denise Huber: Dieser Kontakt ist die zentrale Voraussetzung für Wandlung und Weiterentwicklung. Manchmal braucht es viel Zeit am Bild, bis jemand wieder den Kontakt zu sich findet. Deshalb ist es wichtig, auch in der digitalisierten Welt in Ruhe und mit Sorgfalt etwas Eigenes zu schaffen. Nur für sich selbst.

Die Kurse des IHK finden alle in Weggis statt – ist dieser Ort auch eine Art «geschützter Raum»?

Urs Hartmann: Ja. Wir sind in Weggis als Gruppe abseits vom Trubel – quasi aus dem Alltag ausgekoppelt und mit wunderbarem Blick auf den See. Unsere Studierenden merken, dass man hier schneller den Kontakt zu sich findet. Es gibt weniger Ablenkungen durch den Alltag, durch Pflichten und Aufgaben. Der Rahmen ist für Kunsttherapie grundsätzlich sehr wichtig – in der Ausbildung in Weggis und auch im Atelier mit Klienten. Wir haben den geschützten Raum, wir malen langsam, wir malen mit der nicht-dominanten Hand. So wollen wir die Möglichkeit schaffen, an etwas heranzukommen, an das wir sonst in unserem Alltag, in unserer ganzen Geschichte nicht herankommen.

Denise Huber: Weggis ist eine Art Insel. Wir sind hier als Gruppe über einen längeren Zeitraum zusammen – die Zeit ist sehr intensiv und dicht. Das ist auch sehr wichtig, denn es entsteht viel – nicht nur in den Ausbildungsteilen, sondern auch im informellen Gespräch.

Wer interessiert sich für die Kunsttherapie-Ausbildung?

Denise Huber: Es sind primär Personen aus gestalterisch-künstlerischen, sozialen, medizinischen oder pädagogischen Berufsfeldern, die sich in Kunsttherapie weiterbilden. Kunsttherapie ist eine Ausbildung auf Tertiärstufe und die Studierenden bringen schon viel Berufs- und Lebenserfahrung mit. Darauf bauen wir auf. Es gibt aber auch Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger, die sich für Kunsttherapie interessieren. Je nach Vorbildung müssen sie dann allenfalls zusätzliche Lerninhalte abdecken.

«Kunsttherapie wird durch die Professionalisierung in den letzten Jahren auf dem Arbeitsmarkt anders wahrgenommen.»

In welchen Bereichen arbeiten Kunsttherapeutinnen und -therapeuten nach dem Abschluss?

Denise Huber: Sie können mit Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen und mit unterschiedlichsten Problemen arbeiten. Das Anwendungsfeld ist sehr breit – Kinder oder Erwachsene, einzeln oder in Gruppen. Ein neueres Feld, das sich stark entwickelt und auch vom Bund gefördert wird, ist die Palliativpflege. Wir haben verschiedene Absolventinnen, die im Bereich Palliative Care arbeiten. Je nach Vorbildung müssen sie dann allenfalls zusätzliche Lerninhalte abdecken.

Wie sehen die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt aus?

Urs Hartmann: Es gibt heute bereits deutlich mehr Stellen für Kunsttherapeutinnen und -therapeuten. Der Nutzen der Kunsttherapie für verschiedenste Einsatzbereiche ist erwiesen und laufend kommen neue Einsatzbereiche dazu ...

Denise Huber: ... wir merken, dass die Kunsttherapie durch die Professionalisierung in den letzten Jahren auf dem Arbeitsmarkt anders wahrgenommen wird. Auch die Bedarfsanalyse des Dachverbands OdA ARTECURA im Zusammenhang mit dem eidgenössischen Abschluss zeigte: Es gibt eine Nachfrage nach Kunsttherapie. Viel Potenzial bietet vor allem das interdisziplinäre Arbeiten mit anderen Spezialistinnen und Spezialisten, beispielsweise in Gemeinschaftspraxen. Trotz der grossen Erfahrung, dem fundierten Wissen und den breiten Grundlagen ist Kunsttherapeut/in noch ein junger Beruf.

Wie entwickelt sich die Kunsttherapie als Therapieform weiter?

Denise Huber: Es tut sich einiges. Beispielsweise gibt es jetzt auch einen CAS für Kunsttherapeuten, die sich die Werkzeuge für die Erforschung der Kunsttherapie aneignen wollen. Auch in der Onkologie wird zur Wirkung der Kunsttherapie wissenschaftlich geforscht. Unser Beruf ist noch jung, vieles steht am Anfang, doch die Professionalisierung in der Kunsttherapie wird mit Sicherheit weitergehen. Und das IHK befürwortet und unterstützt diese Entwicklung aktiv.

Urs Hartmann: Wichtig ist auch, dass wir die Evidenzbasierung, also die nachgewiesene Wirksamkeit weiterverfolgen. Unsere Methoden – die personenorientierte und die lösungsorientierte Maltherapie –  sind fundiert und in verschiedenen Publikationen ausführlich beschrieben. Gerade in der lösungsorientierten Maltherapie LOM® gibt es viele Fälle, deren Wirkung dokumentiert ist. Zudem wurde 2018 eine Doktorarbeit zur LOM® publiziert. Die Beschreibbarkeit unserer Methoden unterscheidet das IHK von anderen Ansätzen, die sich nicht systematisch beschreiben lassen.

«In dieser Gefühls- und Ausdruckswelt braucht es klare Kriterien – ein Geländer, an dem man sich orientieren und festhalten kann.»

Ist es für die höhere Fachprüfung also von Vorteil, wenn man die zwei Methoden am IHK lernt?

Urs Hartmann: Ja, aber nicht nur für die Fachprüfung, sondern in der Arbeit als Kunsttherapeutin oder Kunsttherapeut generell. Unsere Methodik ist sehr effektiv. Das LOM® hat zusätzlich eine ganz spezifische Funktionsweise. Hier arbeiten wir beispielsweise mit verstörenden Bildern, die wir mit beruhigenden Bildern ersetzen. So können Belastungssituationen gelindert werden. Wir arbeiten nicht nur sehr gezielt und mit klaren Kriterien, sondern wir arbeiten auch überprüfbar.

Denise Huber: Die Methoden, die wir vermitteln, bieten ein solides, einzigartiges Fundament, mit dem man in der Praxis arbeiten kann. Was uns neben der Methodik von anderen Kunsttherapierichtungen unterscheidet ist die Arbeit am Bild. Bei anderen Ansätzen wird im Nachhinein über das fertige Bild diskutiert. Das ist etwas völlig anderes.

Weshalb sind Struktur, Methodik und Überprüfbarkeit für das IHK so wichtig?

Urs Hartmann: Kunsttherapie ist oft sehr gefühlsbetont, es kann manchmal auch in Richtung Esoterik tendieren. Wir am IHK sind überzeugt, dass man in dieser Gefühls- und Ausdruckswelt klare Kriterien braucht. Ein Geländer, an dem man sich orientieren und festhalten kann. Was heisst denn dieses Gefühl? Was mache ich mit dem, was ich da gerade spüre? Als Therapeut kann ich nicht irgendetwas machen oder sagen, das mir gerade in den Sinn kommt. Mit unseren Methoden ist klar definiert, warum man was in welcher Situation machen kann. Und das gibt der Kunsttherapie die Seriosität, die sie als ernstzunehmende effektive Therapieform verdient.

In einem Satz: Weshalb sollte man sich am IHK zum Kunsttherapeuten ausbilden?

Urs Hartmann: Weil sich das IHK mit seiner Ausbildung an Menschen richtet, die einen kreativen, schöpferischen und sinnvollen Beruf fundiert lernen wollen ...

Denise Huber: ... und weil wir einzigartige und gut dokumentierte Methoden vermitteln, mit denen man Klienten gezielt und professionell helfen kann.